#metoo

Dieser Hashtag findet sich im Moment auf so manchen Social Media Profilen. Wieder nur ein oberflächlicher Trend oder steckt da doch mehr dahinter? Es steckt mehr dahinter, viel mehr.

Wer „Mee too“ auf seinem Profil postet, meint damit, dass er/sie Opfer von sexueller Belästigung oder sexuellen Übergriffen wurde.  Wo beginnt den nun sexuelle Belästigung? Wenn ich die aktuellen Diskussionen im eigenen Freundeskreis (von mehrheitlich weiblichen Freunden) so verfolge, ist man sich da alles andere als einig. Vielleicht hilft diese Definition, die ich bei Wikipedia gefunden habe und im übrigen auch mit der Definition im Schweizer Strafgesetz übereinstimmt. Somit ist hoffentlich klar, dass die Handlungen in folgender Definition keine Kavaliersdelikte sondern Straftaten sind:

Sexuelle Belästigung ist eine Form von Belästigung, die insbesondere auf das Geschlecht der betroffenen Person abzielt.

Sie gilt heute in den meisten westlichen Ländern als Diskriminierung und ist z. B. im Sinne des Arbeitsrechts rechtswidrig. Sie ist abzugrenzen von sexuellem Missbrauch sowie körperlicher Gewaltanwendung, die ihrerseits Straftatbestände erfüllen. Als sexuelle Belästigung gelten unter anderem sexistische und geschlechtsbezogene entwürdigende bzw. beschämende Bemerkungen und Handlungen, unerwünschte körperliche Annäherung, Annäherungen in Verbindung mit Versprechen von Belohnungen und/oder Androhung von Repressalien.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sexuelle_Belästigung)

Gerade bei Belästigung ist der Kontext, in dem etwas passiert durchaus entscheidend. Als Beispiel: Wenn ich intensiv mit einem Mann flirte und er mich dann absichtlich an Hüfte oder Po berührt, ist das nicht das selbe, wie wenn ein Mann, mit dem ich weder eine Beziehung habe noch geflirtet habe, dies macht. Im ersten Fall ist es vielleicht erwünscht oder aber möglicherweise ein wenig voreilig, im zweiten Fall ist es sexuelle Belästigung.

Dann lese ich auch, ist doch nicht so schlimm, wenn mir einer auf der Strasse was unflätiges nachruft, ich kann das ab. Ähm, wie bitte?! Schön, wenn man damit umgehen kann, das heisst aber nicht, das so etwas akzeptabel ist. Man soll sich nicht so anstellen, habe ich ebenfalls schon gelesen, ist ja ausser ein bisschen Po begrabschen nichts passiert. Und nochmals wie bitte?! Das ist mein Po und niemand anders als ich bestimmt, wer ihn begrabschen darf. Diese Verharmlosungen leisten dem Verhalten eher Vorschub als das es gebremst wird. Ausserdem werden damit auch die „Opfer“ eines solchen Verhaltens als überempfindlich dargestellt. Und das macht mich, gelinde gesagt, stocksauer.

Ich könnte mehrere selbst erlebte Geschichten erzählen, von Po und Busengrabschern im überfüllten Zug, inklusive versuchtem Griff zwischen die Beine, bis zu Taten die über Belästigung hinausgehen und nicht nur mit einer Busse bestraft werden. Eigentlich sollte es unnötig sein, aber um es ein für alle Mal klar zu stellen, dies hatte nie mit Kleidung, Aussehen oder Verhalten meinerseits zu tun, sondern mit mangelndem Respekt und Anstand der Täter bis hin zu krimineller Energie. Das Erlebnis, das ich mit euch teile, ist nicht mein schlimmstes, aber eines, das vielleicht aufzeigt, wie hilflos man sich fühlen kann und nicht weiss, wie man reagieren soll. Und dass es nicht vorbei ist, auch wenn der Übergriff überstanden ist.

#metoo

Ich gehöre zu den Frauen, die freiwillig Militärdienst geleistet hat. Mit meiner Arbeit und meinem Einsatz hatte ich mir in meiner Kompanie den Respekt meiner männlichen und weiblichen Kameraden verdient. In einem der Wiederholungskurse (Reservedienst) waren wir mit einer anderen Kompanie in der selben Unterkunft, wir hatten während dieser Zeit denselben Kompaniekomandanten.
An unserem letzten Abend feierten wir noch ein wenig, mit Betonung auf wenig, keiner von uns war besoffen oder so (nur um vermeintliche Entschuldigungen bereits im Keim zu ersticken). Einer der Unteroffiziere der anderen Kompanie, verkündete lautstark, dass Frauen im Militär nur dazu taugen um sich an ihren Arsch anzukuscheln in der Nacht. Alle anwesenden Frauen, ich inklusive protestierten und sagten ihm dazu auch ihre klare Meinung, nämlich, dass keine von uns freiwillig mit ihm kuscheln wolle. Er meinte dazu nur, er wisse, wo unser Zimmer ist und würde sich dann einfach zu einer von uns ins Bett legen. Wir machten ihm klar, dass er in unserem Zimmer zu keiner Zeit etwas zu suchen habe.
Ein wenig später merkte ich, dass ich die letzte der Frauen war und da dieser Typ immer noch da war, fühlte ich mich langsam unwohl. Also zog ich mich ebenfalls zurück. Weder sah noch hörte ich, dass er mir gefolgt war. Kaum war ich in meinem Schlafsack und eingedöst, merkte ich wie sich jemand zu mir ins Bett legt. Erst dachte ich, eine meiner Kameradinnen erlaubt sich einen Scherz,
um mich zu erschrecken. Noch im Halbschlaf realisierte ich jedoch, dass dieser dreiste Unteroffizier es tatsächlich gewagt hatte und mich umarmen wollte.
Das Schlimmste war, es war mir peinlich, als hätte ich was falsch gemacht. Ich traute mich nicht laut zu werden, weil die anderen ja wach werden könnten. Ich zischte ihn an, er soll sofort verschwinden. Als dies kein Ergebnis brachte, stiess ich mich von der Wand ab, bis er aus dem Bett fiel. Davon wurden einige andere wach und forderten ihn ebenfalls auf, sofort zu verschwinden. Das tat er dann auch.
Ich lag dann noch die halbe Nacht wach und überlegte, was ich falsch gemacht hatte, wo ich ihm nicht deutlich genug gesagt hatte, er solle sowas unterlassen.
Trotz Dusche fühlte ich mich auch am nächsten Morgen immer noch schmutzig. Doch der Typ war offensichtlich zu doof, um die Klappe zu halten oder zu lügen. Seinen Unteroffizierskameraden erzählte er nämlich brühwarm, dass er zu einer ins Bett gestiegen ist, obwohl im klar gesagt worden sei, er solle es lassen.
Sein Pech, dass einer dieser Kameraden mich schon seit der Ausbildung kennt und damals mein Vorgesetzter war. Dieser kam zu mir und versicherte mir, dass er dies auch als Zeuge aussagen würde und hinter mir steht. Die Buschtrommeln waren wohl ebenfalls sehr aktiv. Ich musste nicht von mir aus zum Komandanten gehen, er wusste bereits Bescheid, bevor er ins Büro kam und war stocksauer. Mich und eine andere Soldatin hat er um eine Aussage gebeten und danach alles in die Wege geleitet. Ich bin diesen Männern immer noch dankbar, dass sie sich sofort auf meine Seite gestellt haben und mich ohne die geringste Schuldzuweisung unterstützt haben. Der Unteroffizier wurde zu nachdienstlichem Arrest verurteilt, das heisst, nicht während der Dienstzeit, sondern im zivilen Leben abzuleisten.
Jahre später, während eines Auslandseinsatzes mit der Armee, wurde ich mit der Aussage eines Soldaten konfrontiert, der meinte, dass Frauen in der Armee nichts zu suchen hätten. Die wären viel zu empfindlich und würden keine dummen Sprüche vertragen. Ich bat ihn dies weiter auszuführen, da erzählte er mir eine Geschichte eines Freundes, der wegen so einer „Schlampe“ in den Knast musste.
Die Geschichte kam mir wage bekannt vor und ich fragte ihn, ob dieser Freund XY heisse. Als er mir dies bestätigte, stellte ich die Fakten klar und auch dass ich diejenige war und er mit dem Wort Schlampe gerade auf sehr dünnem Eis wandelt. Dass ich zwar sehr wohl einiges ab kann, aber wenn eine Grenze überschritten wird, habe ich kein Problem damit, dies zu melden und die Sache durch zu ziehen.
Als ich dann einige Monate später in eben diesem Einsatz von meinem Komandanten öffentlich verbal belästigt wurde, sah ich von einer Anzeige ab. Der Mann hatte sich bei mir entschuldigt, akzeptierte, dass ich mich nicht ohne Zeugen mit ihm unterhalten werde, auch nicht beruflich, und dass sein Vorgesetzter da durchaus gerne weiter gegangen wäre. War das ein Fehler? Ich weiss es nicht, auf jeden Fall wurde es in seiner Dienstakte vermerkt, für einen Berufsoffizier durchaus nicht gerade ideal. Ausserdem musste er in psychologische Behandlung, nicht nur wegen dieser Vorfälle.
Ich hatte also zweimal das Glück, dass sich die entscheidenden Leute hinter mich gestellt haben, und vor allem die strafbaren Handlungen als solche gesehen haben und nicht als Lapalie. Trotzdem musste ich mir immer wieder Sprüche deswegen anhören, zwar meistens gut gemeinte, aber trotzdem kam immer wieder die Angst und Hilflosigkeit hoch. Noch heute ist das nicht ganz vergessen, und manchmal frage ich mich, warum ich? Was habe ich getan, das sich diese Männer auf mich fokussiert haben und dachten, sie dürften sich Freiheiten herausnehmen?

Eigentlich ist mir klar, dass es wie in den meisten solcher Fälle eigentlich gar nicht um mich ging, sondern um Machtausübung. Warum auch immer ich das Ziel war, hatte nichts mit mir als Individuum zu tun. Aber das fühlt sich definitiv nicht so an, ich als Individuum fühle mich beschmutzt und minderwertig. Meine Freiheit und Selbstbestimmung wurde beschnitten,  in dem diese Männer sich über Gesetze hinweggesetzt haben. Und wenn noch jemand gesagt hätte, ist doch nicht so tragisch oder hab dich nicht so, hätte er mich ebenso als weniger wert als die Täter bezeichnet. Sexuelle Belästigungen sind niemals Bagatellen, sondern menschenverachtend und zu Recht strafbar.


3 Gedanken zu “#metoo

  1. Danke für deinen Text! Es sind persönliche Schilderungen, die mich bewegt haben…. Ich habe in der vergangen Woche einige Artikel und Kolumnen gelesen, die wertvolle Gedanken und Überlegungen enthalten haben. Letztendlich habe ich versucht, meine Erfahrungen und Gefühle aufzuschreiben. Vielleicht hast du Lust meinen Text zu lesen. Und – viel wichtiger – deine Eindrücke zu meinen Gedanken mit mir zu teilen.
    https://frauk.blog/2017/11/16/vor-dem-gerichtstermin-pruefe-ich-mein-erscheinungsbild-metoo/

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, ich habe sehr interessiert deinen Text gelesen. Ich kenne diese Gedankengänge, wie vermutlich sehr viele andere Frauen auch. Im Moment bin ich gerade auf Sparflamme unterwegs, also Energietechnisch gesehen. Wenn ich wieder fitter bin, werde ich vermutlich deinen Artikel noch einmal in Ruhe lesen und dir gerne ein besseres Feedback geben.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s