Das böse K-Wort

Gestern veröffentlichte Snorre, oder heute vielen besser bekannt unter seinem richtigen Namen Malte, von Versengold einige sehr ehrliche und persönliche Worte auf Facebook. Wie schon einige andere Bands der Szene mussten er und seine Kollegen sich offensichtlich Kritik hinsichtlich der Entwicklung ihrer Musik anhören/lesen. Kritik ist ja prinzipiell nichts schlimmes, wenn sie denn konstruktiv, mit nachvollziehbaren Begründungen und in einem entsprechend respektvollen Ton vorgebracht wird. Eigentlich sind den Worten von Malte nicht mehr viel hinzuzufügen, vor allem da er auch wie immer hervorragend mit diesen umzugehen weiss, aber ich bin halt immer noch ich und deswegen tue ich es trotzdem.

Nachdem ich mich in der Vergangenheit über dieses Thema teilweise sarkastisch/ironisch aber auch leidenschaftlich geäussert habe, versuche ich es mal anders, mal schauen ob es mir gelingt. Vermutlich nicht, denn bereits habe ich einige Formulierungen im Kopf, die wieder in die selben Richtungen tendieren. Ich selber habe Informationen über das Musikbusiness nur aus zweiter Hand, also mich mit einigen Musikern unterhalten, die mir auch hin und wieder mal von ihren Erfahrungen abseits der Bühne erzählt haben. Von daher kann ich teilweise fundierte Rückschlüsse ziehen, aber eben teilweise auch nur Vermutungen anstellen, also sollte ich komplett falsch liegen, seht es mir bitte nach und korrigiert mich.

Malte gibt in seinem Post zu, dass Versengold kommerziell ist, ach du Schreck (und schon sind sie dahin, die guten Vorsätze)! Aber was bedeuten die Worte kommerziell und Kommerz überhaupt? Ich habe mir erstmal den Duden zu Gemüte geführt:

Kommerz: Substantiv, maskulin – a. Wirtschaft, Handel und Geschäftsverkehr; b. Gewinn; Profit[streben]

kommerziell: Adjektiv – a. den Handel betreffend, geschäftlich; b. Geschäftsinteressen wahrnehmend, auf Gewinn bedacht

Bis jetzt habe ich mit diesen Begriffen noch kein Problem, denn auch wenn Musiker kein alltäglicher Beruf ist, ist es eben doch Arbeit. Selbst wenn es nicht der Hauptberuf sein sollte oder „nur“ ein Hobby, ist es, wenn richtig gemacht, zeit- und kostenintensiv. Auch ein Künstler kann auf Dauer nicht von Luft und Leidenschaft überleben, denn abseits der Bühne lebt er ebenso wie wir „Normalos“ in unserer Gesellschaft. Steuern, Versicherungen, Miete, Löhne und auch Essen wollen bezahlt werden.

Kommerz hat aber in der Umgangssprache auch noch eine andere Bedeutung, eine abwertende. Nämlich nur noch auf Gewinn bedacht, billig produziert, Qualität Nebensache. Dies gibt es in allen Branchen, so auch in der Musikindustrie. Und was sind Merkmale dieser „Kommerzscheisse“? Hier eine allgemein gültige Definition zu finden ist nicht ganz einfach, ich habe mich dazu durch mehrere Foren gelesen und ein Satz der mir besonders aufgefallen ist, möchte ich zitieren:

Kommerz ist meist billig, gefühlskalt, nichtssagend und so auf die Masse zugeschneidert, dass es einfach zum gähnen langweilig ist. – Verfasser unbekannt

Ich lasse mir die gefundenen Argumente und Definitionen mal durch den Kopf gehen, mische alles durch und versuche die verschiedenen Ansätze zu filtern. Dann bleibt da ein Wort: simpel. Simple Melodien (aber eingängig) und simple Texte (ebenfalls eingängig), also Knöpfchen drücken beim Konsument ohne Anspruch.

Nehmen wir mal die Texte und Versengold, wer hier dann noch das Wort simpel dazu packt, hat sie mit Verlaub nicht mehr alle.  Maltes Umgang mit Worten und der deutschen Sprache gehört mit zum Besten, was mir je begegnet ist. Das sage ich als Person mit mehreren Jahrzehnten an Lebenserfahrung, tausenden an gelesenen Büchern, Bühnenstücken und Gedichten. Aber nicht nur ich, auch gestandene Musiker und Texter sind von Maltes Werken begeistert und haben sich auch dahingehend mir gegenüber oder öffentlich geäussert.

Eine einfache und eingängige Melodie steht am Anfang vieler, vielleicht sogar der meisten Musikstücke. Die Frage ist hier eher, was macht man daraus. Wird einfach Rhythmus X vom Keyboard dazugemischt und fertig, ok, dann ist es nicht wirklich anspruchsvoll. Wird diese Melodie aber weiterentwickelt, variiert, von anderen Instrumenten aufgenommen und unterstützt, ist es eine ganz andere Situation. In der klassischen Musik nennt sich das dann Thema, eines der populärsten Beispiele: Beethovens Symphonie Nr 5 in c-Moll (ja, jetzt fahre ich gerade die ganz grossen Geschütze auf). Ich will das jetzt eigentlich gar nicht vergleichen oder gleichsetzten, es geht mir nur darum, mein Argument zu verdeutlichen.

Was fehlt jetzt noch? Genau, Verträge mit einem Major Label! Einige denken dabei vermutlich, dass eine Band mit einem Plattenvertrag bei einem grossen Label mit Geld überhäuft wird. Ganz so ist es aber nicht. Firmen wie Sony oder Universal sind genau das, Firmen. Da wird nicht einfach mit Geld um sich geworfen, sondern kalkuliert. Der Vorteil eines grossen Labels sehe ich als Aussenstehende vor allem in den Kontakten und Vertriebswegen. Um den Rahmen der finanziellen Unterstützung abzuschätzen, müsste der Kritiker die Vertragsdetails kennen, was aber Sache der Vertragsparteien ist und nicht meine Angelegenheit. Klar ist, es geht auch um Verkaufszahlen, bei einer Band, die schon seit Jahren im Geschäft ist, sind diese durchaus kalkulierbar. Sinken sie jedoch, sitzt für das nächste Album das Geld nicht mehr locker, also sind Experimente in Sachen komplett neues Zielpublikum und dabei eventuell die bisherigen Fans und Kunden zu verlieren, nicht im Sinne der Plattenfirma oder einer Band. Ausserdem gibt es für ein Label bestimmt einfachere und günstigere Wege um Kommerz auf den Markt zu werfen, als gestandene und erfahrene Musiker, die auch ohne dieses Label ihren Weg gehen könnten, zu verbiegen. Es könnte ja sein, dass diese Musiker wissen was sie tun, und sich nicht einfach rumschubsen lassen, nur so ein Gedanke.

Wenn der Kosument jetzt denkt, wer zahlt, bestimmt sicher auch, hat vermutlich zum Teil recht, die Frage ist in welchem Teil. Ich vermute jetzt eher im Bereich Vertrieb, Vermarktung und so weiter und weniger im künsterischen Bereich, denn sonst müsste man sich ja nicht eine Band ins Boot holen, die das mit der Kunst selber ganz gut kann. Übrigens waren viele Werke der klassischen Komponisten wie Mozart oder Beethoven Auftragsarbeiten, mit teilweise konkreten Vorgaben – Kommerz?

Im Zuge meiner heutigen Recherche ist mir aufgefallen, dass Kommerz ein sehr individuelles Empfinden ist. Erstens ist die Absicht des Künstlers ausschlaggebend, will er einfach nur Geld verdienen oder will er damit auch was aussagen. Nur ist das nicht in jedem Fall so einfach herauszufinden, der Hörer kann ja nicht einfach die Gedanken des Künstlers lesen. Das andere ist, ob der Hörer selbst eine Aussage oder ähnliches in dem Lied entdeckt oder versteht. Denn empfinde ich ein Stück als hohl oder sinnbefreit, ist es für mich vermutlich Kommerz, egal was sich der Künstler dabei gedacht hat. Deswegen ist eine verallgemeinernde Kategorisierung, gerade wenn es um das Abwerten von Kunst geht, nicht wirklich möglich oder gar fair. Ein „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ aus Grund X und Y würde vollkommen ausreichen, ohne Beleidigungen oder Unterstellungen. Ich halte mich ja auch nicht immer an den Grundsatz: wenn du nichts nettes sagen kannst, sag gar nichts, ich schreibe ja schliesslich einen Blog und möchte wahrheitsgemäss wiedergeben, was ich erlebt habe oder empfinde. Man kann Kritik aber auch respektvoll anbringen.

Um wieder zurück zu Versengold zu kommen, was ich bisher vom neuen Album Funkenflug, das im August erscheint, gehört habe, klingt für mich nicht nach Kommerz. Sondern nach brillianten Texten mit interessanten Melodien, wie meinerseits von Versengold bekannt und erhofft, mehr will ich das hier gar nicht analysieren. Ich freue mich auf jeden Fall tierisch auf das neue Album und ebenso hoffe ich, dass die „Nacht der Balladen“ wiederholt wird, vorzugsweise im Süden Deutschlands.


Ein Gedanke zu “Das böse K-Wort

  1. Och, auf das Kommerz-Geschrei gebe ich nicht viel. Die, die am lautesten wettern, sind doch oft genau die, die sich die Musik der Künstler für lau irgendwo besorgen, statt mit dem Kauf einer CD oder der Titel die Musiker zu unterstützen.
    Und ich habe noch keinen dieser Meckerer gesehen, der es selber besser gemacht hätte.

    Versengold mag ich übrigens auch sehr gern 🙂

    Gefällt 1 Person

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