Spielmannsherz

Eine kleine Warnung vorweg: Dies wird ein sehr persönlicher Artikel. Schon seit über einer Woche liegt er in meinen Entwürfen und in manch einer mehr oder weniger schlaflosen Nacht habe ich mir überlegt, in komplett zu überarbeiten oder neu zu schreiben. Dies habe ich sein lassen, ebenso wie das Korrekturlesen (sonst hätte ich ihn vermutlich doch geschönt oder kurzerhand gelöscht). Ich werde euch hier nicht meine dunkelsten Geheimnisse anvertrauen, dafür kennen wir uns, also ich und die Öffentlichkeit, nicht gut genug, aber doch ein wenig meine Vergangenheit und mein Seelenleben ansprechen. Denn das ist ein Teil dieser Geschichte. Dieser Artikel wurde ausserdem zu ein Gemeinschaftsprojekt von Laju von Drachenkralle.net und mir, ihre Geschichte findet ihr hier.

Ich bin kein Spielmann, nicht nur der Anatomie wegen. Mein Gesangstalent ist nicht vorhanden, Fähigkeiten auf diversen Instrumenten reichen von „völlig aus der Übung“ bis „blutiger Anfänger“, ein Leben auf der Bühne war eigentlich auch seit meinen Versuchen im Theater nicht mehr mein Ziel. Aber mein privates Leben dreht sich um die Musik und die Reisen im Namen der Musik. Musik war für mich schon immer ein Mittel um meine Gefühle auszudrücken oder Zugang zu ihnen zu finden, und dies hat sich in den letzten Jahren verstärkt.

img_3222Mir ist das Erleben der Musik, die Geschichten auf und neben den Bühnen, das Zusammensitzen an Lagerfeuern und die Kameradschaft und der Zusammenhalt enorm wichtig geworden. Und mittlerweile erzähle ich ja selber auch Geschichten, mit Hilfe dieses Blogs hier. All dies hilft mir, nicht nur zu existieren, sondern mein Leben zu leben und in vollen Zügen zu geniessen. Es ist nicht immer alles einfach und schön, aber durch die Menschen, die mich auf diesen Wegen begleitet haben, oder deren Leben ich auch nur kurz gestreift habe, wurde alles ein wenig leichter und machbar und bunter.

Schon in meiner Kindheit wurde bei mir eine depressive Persönlichkeit diagnostiziert, heute Dysthymie genannt, durch die Pubertät verstärkt, hat dies auch schon mal zu Kurzschlusshandlungen geführt. Ich bin noch da, das hat aber teilweise mehr mit Glück, als mit etwas anderem zu tun. Meine Arthrose führt an manchen Tagen zu sehr starken Schmerzen, was mich dann auch fast zu nahe an den Abgrund führt. img_3207Was die ganz dunklen Gedanken von mir fernhält ist Freundschaft und eben auch die Musik. Die Musik ist für mich an manchen Tagen ein Ventil, an anderen Tagen ein Stimmungsaufheller. Dieses pure Gefühl zu leben, das einem fast das Herz sprengt, das habt ihr mir auf meinen Reisen geschenkt, und das hält mich aufrecht und vertreibt die Leere. Ihr auf der Bühne, ihr neben mir in der Menge, ihr an der Taverne, ihr beim Gespräch, ihr am Lagerfeuer, und auch ihr beim Kaffee trinken verkatert am nächsten Morgen. Es sind nicht immer nur schöne Momente dabei, auch traurige gehören dazu, genau wie zum Leben, und auch diese durfte ich mit euch teilen. Ihr habt mich aufgenommen, ja wildfremde Menschen haben mit das Gefühl vermittelt, dazu zu gehören. Teilen, unterstützen, aushelfen, alles Dinge, die nicht nur von Spielleuten besungen werden, sondern man ebenso auf der Campsite eines Festivals erleben kann. Eine Aufgabe ist schwierig? Dann packt man mit an und schafft es gemeinsam.

Ich bin nicht rastlos, weil ich kein schönes Zuhause hätte, ganz im Gegenteil. Ich bin einfach gerne unterwegs zu Abenteuern, ich bin neugierig, was das Leben noch zu bieten hat. Ich will die Geschichten erleben und nicht nur lesen. Seit ich Laju als Herzensschwester an meiner Seite habe, kann ich das auch, alleine würde ich vieles nicht mal in Betracht ziehen. Und erlebt habe ich sehr viel, ebenso gelernt und einfach nur das Sein genossen, in einer Gemeinschaft, die mich aufgenommen hat, die es nicht interessiert, woher ich komme, wohin ich gehe, sondern dass ich in dem Moment da bin und dass ich ich bin.

Ich habe mich verändert in dieser Zeit, bin stärker geworden, selbstsicherer. Ich mochte es früher überhaupt nicht, von Menschen angefasst oder auch nur im Vorbeigehen gestreift zu werden. Mittlerweile freue ich mich auf die Umarmung als Begrüssung oder kann tröstende Gesten annehmen, nicht immer, aber es wird besser. Mittlerweile verteile ich Umarmungen sogar von mir aus, oder lehne mich gerne an. Menschenmengen mag ich immer noch nicht so sehr, mit ein Grund warum ich mich an Konzerten meist ganz vorne oder ganz hinten einreihe.

Wer mich kennt, weiss, dass ich eigentlich eine Quasselstrippe bin, aber das war ausserhalb meines engsten Kreises früher nicht so. Auch heute noch spreche ich fremde Menschen nur sehr ungern an, ausser ich habe einen sehr triftigen Grund. Vor allem seit dem Beginn unserer Reise am 11.11.2015 habe ich so viele Menschen getroffen, die mir von Anfang an so kameradschaftlich und offen begegnet sind, dass diese Angst vor Fremden gar keine Chance hatte. Ausserdem ist es mir mittlerweile egal, wenn mich Leute seltsam finden oder verrückt oder einfach anders, ich bin sogar stolz drauf. Für mich bedeutet das nämlich, dass ich mein Leben lebe und nicht die Vorstellungen der Gesellschaft oder Familie entgegen meinem Naturell erfülle. Ich tue, was mich glücklich macht, Normen hin oder her.

Da ich das eine oder andere Tattoo auf meinem Körper trage, war schon länger der Gedanke da, ein Körperbild diesem Thema zu widmen. Nicht nur in einem Bild, sondern mit den Zeilen eines Liedes. Immer wieder sind mir Lieder unter die Haut gegangen, aber es war bisher nicht der 100% passende Text dabei. Einige Lieder sprechen in mir Dinge an, denen ich mich noch nicht in Gänze zu stellen bereit oder in der Lage bin, die ich selber noch verarbeiten muss. Dies dann jeden Tag auf meiner Haut zu sehen, das will ich nicht, bin ich definitiv noch nicht bereit dazu. Andere wiederum erzählen eine sehr persönliche Geschichte, die mir teilweise sehr bekannt vorkommt, aber eben doch überdeutlich die Geschichte dieser einen speziellen Person ist, sehr offensichtlich autobiographische Züge trägt. Ein anderes Problem ist, dass es nicht eine einzige Zeile ist in einem Song, sondern eigentlich das ganze Lied als solches, was mein Lebensgefühl ausdrückt.

Seit einigen Wochen geht mir ein Lied in dem Zusammenhang nicht mehr aus dem Kopf: Wie der Wind von Fuchsteufelswild, seit einem Gespräch bei Jahresende ganz klar mein Text, genauer gesagt die letzte Strophe davon. Weil genau dieser Text alle Gleichgesinnten mit einschliessen soll, egal ob Spielleute oder Publikum:

Auch deine Sterne haben dir ein Spielmannsherz gegeben?

Dann schliess‘ dich uns’rer Bande an und fang‘ an zu Leben!

Bist du ein Kind der Strasse und uns gleichgesinnt?

Dann zieh‘ mit uns – wie der Wind, von Ort zu Ort – wie der Wind

Quelle: Weltenmeer (Album) von Fuchsteufelswild

img_4311Das ist immer noch sehr viel Text, zuviel für die Stelle die ich mir vorgestellt hatte. Doch die erste Zeile stellt die richtige Frage und die Antwort darauf muss jeder in sich selber finden. Mit dieser Frage verbinde ich einen wichtigen Teil meines Lebens, eine wunderschöne Zeit mit tollen Menschen und eben solchen Erfahrungen. Ich könnte euch da Geschichten erzählen… tue ich aber nicht, auf jeden Fall nicht alle, einige sind und bleiben privat. Ich habe meine Antwort gefunden, daher kein Fragezeichen mehr. Egal was mir das Leben in Zukunft in den Weg wirft, diese Zeit wird immer in meinem Herzen bleiben, und es wird hoffentlich noch einiges dazukommen.

P.S.: Da ich einerseits für mich schon länger entschieden habe, nie ein Bandlogo zu stechen (sorry Basti 😉 ) und andererseits Watercolor-Tattoos liebe, war für mich von Anfang an klar, dass dann ein Fuchs in dem Stil dazu muss. Es freut mich besonders, dass ein Text der Füchse so gut passt, haben sie und ihr Umfeld uns immer herzlich Willkommen geheissen und uns freundschaftlich aufgenommen, auch abseits der Bühne, und uns einen Einblick in ihre Gedanken und Gefühle gewährt. Noch ein Tipp: Es gibt soooo viele tolle Fuchsbilder, googelt auf img_4332-1keinen Fall „cute fox“ oder „sleeping fox“ Bilder, die sind einfach zu niedlich! Meiner sollte Bewegung, Spiel und Spass ausdrücken, und das hat die Künstlerin in meinen Augen auch voll getroffen.

Laju und ich haben uns unabhängig von einander über ein solches Tattoo Gedanken gemacht, sind dann aber bei der selben Band und derselben Künstlerin angekommen, wir ticken halt irgendwie gleich, so unterschiedlich wir in manchen Dingen sind. So ist ein weiteres Element in diesen Körperschmuck mit eingeflossen, die Verbindung zwischen uns beiden. In den letzten sieben Jahren ist Laju zu meiner engsten Vertrauten, Mitverschwörerin, Begleiterin, Stütze und manchmal auch Leidensgenossin geworden. Schwestern im Geiste und im Herzen!

Das Tattoo hat die wundervolle Tanis Biazus aus London gestochen, die als Gasttätowiererin bei Giahi in der Schweiz war. Der Zufall oder das Schicksal wollte es, dass sie genau zum richtigen Moment hier war.

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Dieses Bild habe ich zur Verdeutlichung meiner Ideen und „Vorlage“ der Tätowiererin gegeben. Mein Glück, dass der Fotograf Fabien Gagnon dieses Bild unter Creative Common Lizenz gestellt hat und ich daher das Bild auch hier zeigen kann und darf. Das Bild fand ich auf der Flickr Seite des Fotografen.


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