Die andere Seite in der ersten Reihe

Ich bin offensichtlich ein rücksichtsloser Erste-Reihe-Steher an Konzerten. Warum? Nicht weil ich andere Bands ignoriere oder gar ausbuhe, nicht weil ich den ganzen Tag meinen Platz blockiere oder weil ich aus Prinzip Kleinere nicht vorlasse. Nein, weil mir dummerweise Sicherheitsbedenken wichtiger sind als einigen Eltern. Wenn mich Eltern fragen, ob ich ihre Kleinen vorlasse, bin ich wohl leider der Ansicht, dass ich dann auch mitverantwortlich für das Wohlergehen und die Sicherheit dieser Kinder bin, wenn ich das nicht gewährleisten kann, dann lehne ich dies durchaus auch mal ab.

Letztes Wochenende: die Eltern stellen erstmal einen Barhocker in die erste Reihe, da der Kleine doch sonst gar nicht über die Wellenbrecher sieht. Ich verstehe diese Überlegung sogar, aber eben auch die Gründe, warum der Veranstalter das eigentlich verbietet. Dass man beim Platzieren des Hockers gleich noch jemanden schmerzhaft einklemmt, kann ein Versehen sein, mit einer Entschuldigung anstelle einer patzigen Antwort wäre aber auch dem netten Miteinander geholfen gewesen.

Nun steht da also ein Hocker, der vielleicht vermeintlich stabil aussieht, aber wegen seines hohen Schwerpunktes eben auch ein gewisses Kipp-Potenzial hat. Nun will man noch zusätzlich 4 Kinder dahinstellen wo bereits andere Menschen sind. Wenn zu dem Zeitpunkt ein gestandener Erwachsener kaum in der Menge stehenbleiben kann, ohne gegen den Hocker gedrückt zu werden, ein ambitioniertes Unterfangen. Ist ja ganz einfach, die Menschen, die gerade noch ein Kind vorgelassen haben, das aber eben dummerweise nicht zu den „Hockereltern“ gehört und darum da eigentlich nicht hätte hindürfen, diese Menschen könnten ja einfach einen Schritt zurückgehen. Und dann treffen sie auf mich, nur blöd, dass ich einem Kind nicht zutraue, die anderen Kurzen und sich selber ein wenig vom Gedränge zu schützen, vor allem wenn ich mich, beinahe doppelt so gross und schwer, nur relativ gut behaupten kann, weil ich direkt am Wellenbrecher lehne und so weniger Angriffsfläche biete. Einer kleinerer erwachsenen Person habe ich den Platz angeboten, denn da nehme ich an, dass sie ihre Möglichkeiten besser einschätzen kann, was offensichtlich auch der Fall war. Denn diese Person wollte lieber aus dem Gedränge rausbleiben. Aber sei es drum, ich stelle mich seitlich hin, halbwegs in der zweiten Reihe, damit ein Kind mehr noch Platz hat und versuche mich da zu „verkeilen“.

Obwohl mich das Kind neben mir ständig gegen das Schienbein und die Wade tritt, versuche ich mich am Wellenbrecher festzuklammern. Der Fuss bleibt praktisch das ganze Konzert über am selben Ort, was alles andere als angenehm ist, aber am ehesten sicherstellt, dass der Raum zwischen mir und dem Hocker ungefähr gleich gross bleibt. Liebe Eltern, dies tue ich nicht, weil ich auf keinen Fall einen Zentimeter weiter aussen stehen will, sondern damit ihr Kind nicht in den Hocker gedrängt wird. Die Hand am Wellenbrecher soll auch nicht verhindern, dass ihr Kind sich weiter in die Mitte drängelt, obwohl ich das in dem Moment nicht wirklich eine sensationelle Idee fände, sondern mir helfen, trotz des Druckes der Menge genau da stehen zu bleiben, auch wieder, um dem Kind möglichst noch Luft zum Atmen zu lassen.

Wollen wir das Szenario mit dem Hocker mal durchspielen? Also das Kind wird in den Hocker gedrängt, Möglichkeit eins, der Hocker bleibt stehen: Für die Kleine/den Kleinen kann das „nur“ sehr schmerzhaft sein, oder aber auch Verletzungen nach sich ziehen. Möglichkeit zwei, der Hocker kippt: das Kind, das darauf sitzt, fällt runter und verletzt sich, das Kind, das reinstürzt, verletzt sich, Umstehende werden allenfalls verletzt, und weitere Menschen können im Gedränge darüber fallen, und sich ebenfalls verletzen. Das will ich genau so wenig, wie Sie, liebe Eltern. Und genauso wenig der Veranstalter, der ebendiese Bestuhlung vor den Bühnen nicht gestattet, darum entfernt er nämlich auch mal höchstpersönlich die Barhocker, wenn er sie sieht.

Aus meiner Zeit im Sicherheitsdienst und als Besucher einiger Veranstaltungen weiss ich ein wenig über das Verhalten von Menschenmassen. Das 08/15 Schema ist relativ einfach, alle möchten möglichst weit vorne in der Mitte stehen, also drängt sich da alles zusammen und nach vorne. Die Wellenbrecher stehen da um genau diesen Druck von der Bühne fernzuhalten, die übrigens, wie einige Veranstalter durchaus mitteilen, unter diesem Druck Schaden nehmen könnten, es bestünde also durchaus die Möglichkeit, dass Menschen diesem Druck auch nur bedingt standhalten. Es geht also nicht weiter nach vorne, deswegen wird dieser Druck den Wellenbrechern entlang zur Seite weggeleitet. Die Menschen in dieser Masse sind zu 99% nicht rücksichtslos, nur haben sie in dieser Konstellation weder die Möglichkeit, noch die Übersicht, um einem kleinen Wesen auszuweichen. Man kann sich das ein wenig wie im Meer mit starker Strömung vorstellen, inklusive Druck- und Sogwirkung. Wenn man sich irgendwo festhalten kann, am besten am Rand der Masse, dann ist es auch möglich mehr oder weniger statisch zu bleiben, daher Hand auf dem Wellenbrecher.

Vielleicht übertreibe ich in meinem Verantwortungsbewusstsein, aber so bin ich nun mal gestrickt. Man kann mich auch egoistisch nennen, wenn ich nicht 90 min lang ausschliesslich darauf aufpassen will, dass einem fremden Kind im extremen Gedränge nichts passiert, und vom Konzert kaum mehr was mitbekomme, von Geniessen kann schon mal gar keine Rede mehr sein, Schläge, Tritte und Ellbogen in Rippen und Gesicht einstecke um den Nachwuchs zu schützen, während die Eltern fröhlich in der dritten Reihe abfeiern und nicht einmal nach dem Kind sehen. Es schauen ja andere Leute für den eigenen Sprössling, dafür solltet ihr eher eine Nanny oder noch besser einen Bodyguard anheuern. Und nein, das erfinde ich nicht gerade, das haben wir bereits erlebt. Wohlverstanden, ich lasse immer wieder Kinder vor, und das auch gerne, wenn das Gedränge nicht grösser ist, als ich stemmen kann.

Ausserdem gilt bei mir eine Regel, da ich meistens direkt vor den Boxen stehe, lasse ich an lauten Konzerten nur Kinder nach vorne mit Gehörschutz. Wir wurden deswegen auch schon angegangen, von wegen es gehe uns nichts an, wie andere Leute ihre Kinder vor Schäden schützen oder auch nicht. Tja, da kann man geteilter Meinung sein, aber diese Eltern und Kinder wollen ja etwas von mir, nämlich dass sich das Kind vor mich stellen kann. Dann kriegen sie auch einen gewissen „Schutz“ von mir frei Haus gestellt, ob sie wollen oder nicht. Und im Übrigen hat sich dann eigentlich immer noch ein anderes Kind mit entsprechender Ausrüstung gefunden, dass dann den Platz vor mir gekriegt hat, also habe ich ein Kind vorgelassen, aber halt das Kind meiner Wahl. In erster Linie geht es mir da um das Wohlbefinden der Kurzen, aber es zeigt mir auch, dass die Eltern ein gewisses Sicherheitsbedürfnis und -verständnis haben, und dies den Kindern mitgegeben haben. Sollte es mal zu einer brenzligen Situation kommen, und die Gefahr besteht meiner Erfahrung nach immer in einer Menschenmasse, dann bin ich eher geneigt zu glauben, dass ich dann auf die Mithilfe dieser Kinder und Eltern zählen kann.

Man kann mich übervorsichtig nennen, aber seid euch eines bewusst liebe Eltern, wenn ich ein Kind vorlasse, dann kämpfe ich im Notfall für die Unversehrtheit dieses Wesens als wäre es mein eigenes, auch wenn ich euch und euren Nachwuchs noch nie zuvor gesehen habe. Wenn ich aber von Anfang an der Meinung bin, dass es mir auch ohne Extremsituation nicht möglich ist, auf euer Kind aufzupassen, dann heisst es halt: Nein! In der Regel auch mit einer Begründung, so wie das Gedränge ist bereits jetzt zu gross, oder ich bin im Moment selber nicht gut zu Fuss und muss mich am Wellenbrecher abstützen. Ausserdem haben wir durchaus hin und wieder Leute bei uns, die eine unsichtbare Erkrankung haben, und auf die wir bereits aufpassen. Ich bitte um Verständnis, dass ich mich dann nicht in der Lage sehe, zusätzlich auf fremde Kinder aufzupassen, und dass ich die deren Krankengeschichte nicht vor euch ausbreite.

Es geht mich ja nichts an, aber ich bin halt eben auch der Meinung, dass mitten in einer geballten, drängenden Menschenmenge (in der es auch Betrunkene hat, die vieles nicht mehr rational entscheiden und nicht immer den besten Stand und Bewegungsablauf haben) die verletzlichsten Wesen, Kinder und Tiere, nichts zu suchen haben. Nicht weil ich ihnen das Konzerterlebnis nicht gönne, sondern weil es einfach zu gefährlich ist. Vielleicht wäre an einer Familienveranstaltung ein abgetrennter Kinderbereich vor der Bühne eine Lösung, damit alle gefahrlos geniessen können. Wie gesagt haben Menschenmassen eine eigene Dynamik, die ein Einzelner nicht gross beeinflussen kann. Und dies hat nichts mit Rücksichtslosigkeit dieses Einzelnen zu tun, sondern mit dem Kollektiv, und dieses funktioniert mit Reptilienhirn und nicht mit höheren Hirnfuntionen (wohlverstanden, diese spreche ich nicht den Menschen in der Menge ab, sondern nur der Menge als solches). Es wäre natürlich viel schöner und besser, wenn sich das Kollektiv ändert, ich sehe aber nicht, wie dies in nächster Zeit umsetzbar wäre.

Ich bin gerne bereit meine Ansichten auf erwachsene Weise zu diskutieren und wenn mir jemand schlüssige Argument bietet, um meine Sichtweise zu ändern, dann höre ich auch gerne zu. Auf reine Schlagwort-Argumente höre ich im allgemeinen hingegen eher schlecht. Wer meinen Blog verfolgt, weiss, dass ich gerne mal meine Kamera an Konzerte mitschleppe. Diejenigen, die jetzt gleich damit kommen, dass ich keine Kinder vorlasse, weil ich fotografieren will, können sich gleich wieder hinsetzen. Ich kann nämlich durchaus über kleine Kinder hinweg Bilder machen, und bei grossem Gedränge lasse ich meine Kamera komplett weggepackt. Erstens nehme ich soviel Rücksicht auf meine Mitmenschen, zweitens ist es kein Vergnügen in der Situation mit der Kamera zu hantieren (und ich mache das nur, weil es mir Spass macht) und drittens gibt es bei solchen Konzerten durchaus genug andere und in der Regel bessere Fotografen, deren Bilder ich mir ansehen kann.


11 Gedanken zu “Die andere Seite in der ersten Reihe

  1. Ich hatte echt Gänsehaut beim Lesen deines Textes und finde ihn ganz großartig. Die wenigsten Eltern machen sich vermutlich wirklich Gedanken um all diese Aspekte: Hauptsache, das Kind sieht etwas. Viel mehr Leute sollten deinen Text lesen!

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  2. Ich gebe dir absolut Recht, ich habe so etwas auch schon oft beobachtet, tobende Kinder am Bahnsteig, Kinder ohne Rettungsweste im Kanu, fremden Hunden um den Hals fallen…die Liste ist lang. Die Menschen haben kein Gespür für die Gefahren die uns umgeben. Ich habe oft das Bedürfnis etwas dazu zu sagen nur glaube ich das sich die meisten angegriffen fühlen, man unterstellt ja quasi das sie schlechte Eltern wären. Stattdessen rennen sie dann mit Sakrotan hinter den kleinen her, weil sie in den Dreck gefasst haben… Leute aus dem Sicherheitsgewerbe sind auch privat für sowas besonders sensibel, das habe ich schon öfter beobachtet.

    Schönen Gruß =)

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      1. Hi, lieben Dank erstmal für die Nominierung. Wir sind noch ein bisschen skeptisch, natürlich klingt das alles wunderbar aber was genau bedeutet „Liebster Award“ das Thema wir ja durchaus kontrovers Diskutiert, wenn man mal danach sucht. Wir betreiben den Blog als Gemeinschaft, von daher müssen wir mal darüber beraten ob wir mit machen und wer dann die Fragen beantwortet. Trotzdem fühlen wir uns natürlich geehrt 🙂

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  3. Es fasziniert mich immer wieder, wie fremde Menschen auf die Knöpfe „Rücksicht“ nehmen müssen – sprich Kinder und natürlich Eltern vorlassen – die Eltern aber auf den eigenen Nachwuchs gar nicht schauen/hören. Ich erinnere mich an ein Konzert auf dem wir Kind mit Eltern vorgelassen haben, weil Kind sonst nichts sehen würde. Als ich die Kleine dann fragte, ob sie sich auf die Band freue, meinte sie, sie sei nur wegen Mama und Papa da und würde die Musik eigentlich nicht mögen. Die Eltern haben ein bisschen verlegen dazu gelacht, während dem Konzert abgefeiert und den offensichtlichen Missmut ihrer Tochter ignoriert.
    Sorry liebe Eltern, aber in so einer Situation sollten die Wünsche einer unter-10-jährigen einfach mehr bedeuten als die eigene Geilheit auf die 1. Reihe!

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    1. Ich erinnere mich an die zwei Mädchen in Karlsruhe, die vor der Bühne erst gefroren haben und dann schlussendlich mit uns als Schutz vor dem kalten Wind eingeschlafen sind während des Nachtkonzertes. Keine Ahnung wo da die Eltern waren, die beiden wussten es ja selber nicht mehr.

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