Wenn Musik die Seele heilt

Dieses Wochenende waren wir am Schlosshof Festival in Höchstadt an der Aisch, einen Bericht darüber folgt in den nächsten Tagen. Heute aber möchte ich ein persönliches Erlebnis mit euch teilen, etwas was mich emotional aufgewühlt hat und mir Hoffnung für mich selber gibt.

Ein Lied von Eric Fish & Friends, „An der Zeit“, hat mich völlig unerwartet auf dem falschen Fuss erwischt, unaufhaltsam stiegen mir die Tränen in die Augen und rollten schliesslich über das Gesicht. Ein Lied über einen unbekannten Soldaten, der im ersten Weltkrieg gefallen ist. Nach diesem Lied brauchte ich ein paar Momente für mich, um meine Gedanken und Gefühle zu sortieren, den Rest des Auftrittes musste ich weg von der Bühne.

Was einige von euch bestimmt nicht über mich wissen, ich war Soldat mit 12 monatigem Auslandseinsatz. Selber habe ich zum Glück nie einen Kampfeinsatz erlebt, noch musste ich meine Waffe je auf einen Menschen richten oder abfeuern. Es war ein sogenannter Friedenserhaltender Einsatz, bei dem unsere Aufgabe vor allem darin bestand, Infrastruktur wieder aufzubauen. Dazu gehörten unter anderem Strassen, Brücken, Kindergärten und auch Sportplätze, Dinge die das Leben für die Bevölkerung einfacher, sicherer und besser machen sollten. Knapp 2 Jahre nach dem Ende des Kosovo Krieges, war die Lage ruhig aber nicht stabil. Für uns bedeutete das, bereit zu sein, uns und unsere Kameraden mit der Waffe zu beschützen und verteidigen. Es bedeutete in einem Umfeld zu  arbeiten, dass sich theoretisch gegen uns wenden könnte, dass Leute mit uns zusammenarbeiteten, denen wir nicht vertrauten.

In der Zeit habe ich Unfallopfer und Minenopfer gesehen, solche die überlebt haben und solche die bereits tot waren. Soldaten anderer Nationen sind in meiner Einsatzzeit ums Leben gekommen, weil sie eine serbische Kirche bewacht haben oder weil auf einer  geräumten Strasse eine Panzermine neu verlegt wurde, wohl verstanden, dies war nach dem Krieg. Fahrzeugkonvois wurden mit Steinen angegriffen, und dies im Nachbarland, auf dem Weg zum Flughafen oder einem Stützpunkt. Im Umgang mit Einheimischen wurden wir immer wieder zur Vorsicht gemahnt und Geheimhaltung der persönlichen und militärischen Informationen war oberstes Gebot, leichte Paranoia war nicht ungewöhnlich.

Das Lied „Nachts weinen die Soldaten“ von Saltatio Mortis hat mich immer wieder emotional aufgewühlt, seit ich es das erste Mal gehört hatte. Bis gestern war mir nicht ganz klar wieso, war ich doch nie im Krieg. Als ich noch dabei war meine Gedanken und Gefühle in den Griff zu kriegen und zu verstehen, traf ich auf jemanden, der mir die Reaktion eines anderen Militärangehörigen auf das Lied von SaMo geschildert hat. Auch dieser brauchte  nach dem ersten Hören Zeit für sich. In dem Moment ist mir klar geworden und konnte es in Worte fassen, was genau mit mir los war.

Heute, 14 Jahre nach der Rückkehr aus dem Einsatzgebiet, sind noch immer Mauern da, die mich damals geschützt hatten und das Erlebte auf Distanz hielten. Diese Mauern haben Risse gekriegt, immer wieder beim Anhören des Songs, und gestern ist wohl ein grosses Stück dieser Mauer heraus gebrochen. Die Tränen waren nicht Trauer oder Mitgefühl, sondern eine Art Befreiung. Während des Auftrittes von Saltatio Mortis waren es dann Tränen der Erleichterung, es ging mir gut dabei, kein Gefühlschaos, sondern Verstehen.

Der Schluss des Liedes hat mich immer besonders mitgenommen aufgewühlt:

So steh ich hier,
alleine mit den Toten.
Und wünsche mir,
die Welt hätte gelernt.
Der Frühling schickt
mir seine ersten Boten.
Doch zu hoffen
habe ich verlernt.

Gestern habe ich verstanden wieso. Nicht weil es mir genau so geht, sondern weil die Hoffnung von den Mauern überschattet wurde. Ich habe erst angefangen, diesen Weg zu beschreiten, aber ein Stück weit wurde meine Seele gestern befreit und geheilt.


5 Gedanken zu “Wenn Musik die Seele heilt

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