Das unsichtbare Gepäck

Alle Menschen schleppen etwas mit sich herum, dass ihnen das Leben schwerer macht. Seien es Erinnerungen, Erfahrungen, Krankheit oder Unfall, oft haben diese Dinge etwas gemeinsam: sie sind für die Mitmenschen nicht sichtbar. Diese unsichtbaren Ursachen haben aber immer wieder sichtbare Auswirkungen und Symptome. Sichtbares, das andere Menschen immer wieder missverstehen oder schlicht und einfach gar nicht verstehen.

Dieses Sichtbare kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, von schlechter Laune bis körperliche und geistige Beeinträchtigungen. Nicht immer kann von diesen äusseren Faktoren auf das eigentliche Problem geschlossen werden. Nur neigen wir Menschen leider dazu, alles fein säuberlich zu sortieren und in Schubladen zu stecken. Was wir nicht verstehen, verursacht bei uns oft eine gewisse Unruhe, manchmal gar Angst. Und passt etwas in keine Schublade, wird es ignoriert, lächerlich gemacht oder einfach zurecht gestutzt, damit es passt. Dieses Verhalten richtet aber bei den Betroffenen unter Umständen grossen Schaden an. Das Selbstwertgefühl sinkt und man braucht enormes Selbstbewusstsein und ein tolles Umfeld, um daran nicht zu verzweifeln.

Selber mache ich diese Erfahrungen hin und wieder, und mittlerweile habe ich gelernt, mich zu wehren. Ich bin aber auch nur ein leichter Fall, und meistens kann ich selber mein Päckchen gut ignorieren und nur Menschen, die mich gut kennen, merken, dass etwas nicht stimmt. Wenn ich zum Beispiel ein Glas Wasser wieder hinstellen muss, damit ich umgreifen kann, oder es gleich mit beiden Händen halten muss, dann nickt meine Mitbewohnerin nur und fragt: „Finger?“. Zur Erklärung: ich habe Polyarthrose in den Fingern. Neben den mittlerweile chronischen Schmerzen heisst das für mich auch einen Kraftverlust in den Händen. Schwer heben sollte ich nicht, an manchen Tagen kann ich es auch gar nicht. Sollte ich also im Bus einmal nicht für eine ältere Person aufstehen, dann nicht, weil ich unhöflich bin, sondern weil ich gerade einen sehr schlechten Tag erwischt habe. Einen Tag, an dem ich mich mit den Händen selbst in einer leichten Kurve nicht festhalten kann. Dann nützt es übrigens auch nichts, wenn die ungefähr gleichaltrige Mutter mir gegenüber zischt:“Junge Leute sollten für Ältere den Platz frei machen!“. Sehr lehrreich für ihr Kind, wenn sie selber sitzen bleibt.

Vor Kurzem habe ich online die Bloggerin Nia und ihren Blog kennengelernt. Sie fehlte wegen ihrer Krankheit öfters als andere in der Schule und die Mitschüler redeten über sie und dachten sie nähme die Ausbildung nicht ernst und würde schwänzen. Dies hat sie sehr verletzt, auch wenn die Mitschüler es nicht besser wussten. Nia selbst bezeichnet sich selbst als Hochstaplerin, weil sie sich nur via Blog outet, mit dem Bildschirm als Maske und Schutz zwischen sich und der weiten Welt. Ich sehe das anders, sie stellt sich ihrer Krankheit und steht dazu, auf die Weise, die ihr im Moment möglich ist. Ich verstehe das mit der Maske, denn wer will seine Geheimnisse alle offenlegen und vermeintliche Schwachstellen präsentieren. Nur kann eine Maske Aussenstehende dazu verleiten, Vermutungen anzustellen, die falsch und manchmal beleidigend und verletzend sind. Wie ist es nun richtig? Keine Ahnung, leider, den passenden Weg muss jeder für sich selber finden.

Heute ist mir zudem das Schicksal von Jennifer zu Ohren gekommen. Jennifer hat vor 6 Jahren die Diagnose Lipödem erhalten. Lipödem ist eine Fettverteilungsstörung und gekennzeichnet von einer Häufung von Fettgewebe seitlich an den Hüften und Oberschenkeln. Es können aber auch zusätzlich andere Körperstellen betroffen sein. Die Krankheit kann von starken Schmerzen und Druckempfindlichkeit begleitet werden. Diese Krankheit hat gar nichts mit Übergewicht zu tun, und kann auch nicht mit Sport, Diät oder Magenband bekämpft werden, wobei Sport durch die Krankheit auch unmöglich geworden ist. Und was ihr bestimmt nicht hilft, sind komische Blicke, dumme Bemerkungen oder gut gemeinte, aber unsachliche Ratschlägen. Aussen sieht man nur die Auswirkungen der Krankheit, nicht aber die Krankheit und ihre Heimtücke selber. Die Betroffene (selten auch der Betroffene) muss nicht nur mit der Krankheit selber leben, sondern auch mit Vorurteilen. Im Moment kämpft Jennifer um eine Operation, die ihr das Leben massiv erleichtern würde, zurückgeben, was für viele für uns selbstverständlich ist. Die Krankenkasse hat abgelehnt diese wichtige Operation zu bezahlen, nicht weil sie experimentell ist, sondern weil sie nicht im Leistungskatalog enthalten ist. Wer sie unterstützen möchte, findet hier mehr Informationen dazu.

Wenn ihr jemandem begegnet, der unhöflich oder unmotiviert scheint, der optisch nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, der schlechte Laune hat, schnell ausrastet, völlig überdreht oder einfach anders ist, verurteilt diese Person nicht. Denkt ein wenig nach und erweist ihnen die Gunst des Zweifels. Vielleicht hat diese Person gerade aus gutem Grund einen schlechten Tag oder Lebensphase. Dies soll keine Entschuldigung für einfach nur schlechtes Benehmen sein, aber wer von uns hat sich nicht auch schon mal im Ton vergriffen, einfach weil es gerade etwas stressig ist? Wir können nicht in andere Menschen hineinsehen, das ist aber kein Grund, gleich das Schlimmste anzunehmen. Ich bin kein Engel, bei weitem nicht, und auch ich muss in der Hinsicht an manchen Tagen mehr an mir arbeiten als an anderen.

Jeder von uns hat seine eigene Bürde, an manchen Tagen tragen wir sie mit Grazie und Stolz, an anderen verzweifeln wir fast daran und brauchen Unterstützung. Es ist nicht immer leicht zuzugeben, dass man etwas nicht kann, oder um Hilfe zu bitten, auch das muss gelernt sein. Macht diesen Weg für andere nicht schwerer, sondern leichter! Fragt nach, ohne gleich zu werten, wenn sich eure Freunde seltsam benehmen. Nicht immer kann oder will der oder die Betroffene darüber reden, aber bietet ihnen doch einen sicheren Hafen, falls sich dies ändert.


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