Die Geburt eines Charakters – Teil 1

Ich treibe mich schon seit einigen Jahren auf Mittelaltermärkten herum, mehr oder weniger von Anfang an in entsprechenden Kostümen. Die ersten Kleider waren eine Mischung aus Gekauftem und selber Genähtem, doch eigentlich eher improvisiert. Ganz zufrieden war ich damit nie, hab ich mich doch zu Anfang eher Richtung authentischen Kleidern und Materialien orientiert. Leine und Wolle sind aber nicht gerade im Sonderangebot gewesen und der Geldbeutel schmal. Der Plan war, mich auf den  Märkten und in den Lagern umzusehen und Ideen zu sammeln. Sobald ich mich dann für ein Kleid entschieden hätte, wäre vorgesehen gewesen, aus billigem Stoff aus einem bekannten schwedischem Möbelhaus erst einmal Musterstücke zu fertigen. Verschiedene Schnittmuster, Techniken und Ideen auszuprobieren und auch zu üben.

Ganz soweit kam es dann nie. Nur böse Zungen würden behaupten, ich entspräche dem traditionellen Rollenbild der Frau. Als Mädchen fand ich Prinzessin sein toll, aber als erwachsene und emanzipierte Frau interessieren mich Charaktere, die dem ähnlich sind viel mehr. Einerseits aus praktischen Gründen, war ich doch oft alleine oder nur mit einer Freundin unterwegs, das wäre aber nicht sehr authentisch für eine Prinzessin. Ausserdem hätte ich teure Stoffe und aufwändige Stickereien und Verzierungen benötigt. Auf der anderen Seite war der Spassfaktor, scheint mir doch, dass Heldinnen aus Fantasy (Film und Bücher) oftmals weniger Regeln unterliegen, oder diese einfach brechen. Ausserdem kann man mit anderen Materialien arbeiten, Leder und Metall zum Beispiel sind damals ausser bei Jeanne D’Arc eher etwas für Männer gewesen.

20 Minuten - Spektakulärer Ausbruch des Vulkans Calbuco - News - Google Chrome_2015-04-23_14-36-44Zudem dürfen weibliche Fantasy Charaktere mit Waffen spielen, ich meine nicht nur mit diesem winzigen Zahnstocher Essdolch, sondern richtige Schwerter, Speer, Pfeil und Bogen, Äxte und was man sich sonst noch so vorstellen kann. Es ist eigentlich ganz einfach, als Fantasy Figur entscheide ich welche Regeln für mich gelten, ich erfinde einfach eine ganz eigene Welt, wenn ich keine finde in der ich mich wohlfühlte. Man könnte sagen, das sei der Weg des geringsten Widerstandes, aber hey, das richtige Leben stellt uns oft vor harte Entscheidungen und Regeln, die uns nicht wir selbst sein lassen. Das hier soll Spass machen und nicht den Alltag imitieren.

Nach den ersten MPS Besuchen, gab es für mich eigentlich kein Zurück mehr zu Authentisch. Da gibt es zwar auch authentische Heereslager, die Leute machen dies wunderbar und betreiben ein unglaublichen Aufwand um kein Detail zu vergessen, aber das bin halt nicht ich. Ich vermutete auch schon länger, dass ich nie die Idee für ein eigenes Kleid hatte, lag vor allem daran, dass ich nicht bereit war, für die Einschränkungen, die Authentizität mit sich bringt. Und so nebenbei, die Mittelalter Schuhe haben mich auch nie so richtig überzeugen können.

Teil 2


2 Gedanken zu “Die Geburt eines Charakters – Teil 1

  1. Ich finde deine Entscheidung gut und sehr nachvollziehbar, gerade weil ich aus der ganz anderen Ecke komme. Meine Darstellung ist zeitlich sehr genau festgelegt (und wäre es auch räumlich, wenn es genug Belege gäbe) und selbstverständlich tue ich auf einer Veranstaltung nur, was für eine Frau in meiner Position in dieser Zeit schicklich gewesen wäre. Einiges mag sich an der Grenze bewegen, aber Hose, Stiefel, Schwert? Ausgeschlossen!
    Selbst von meinem einen Kleid (handgenäht, naturbraune Wolle) werde ich mich trennen, weil ich inzwischen deutliche Zweifel an der Richtigkeit meiner Rekonstruktion habe. Etwas umgearbeitet wird es in einer anderen Darstellung wieder Verwendung finden, aber trotzdem muss ich ein Neues nähen.
    Egal. Mir macht sowas Spaß. Aber wenn man den nicht hat, ist Mittelalterdarstellung definitiv das falsche Hobby. Genauso, wenn man gerne rutschfeste Sohlen hätte. Oder mehr Freiheit bei der Rollenwahl. Deshalb finde ich es toll, dass du ganz offen sagst: „Das ist Fantasy“, anstatt irgendwelche halbherzigen Kompromisse zu suchen, die am Ende doch nicht funktionieren.

    Gefällt 1 Person

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